Meer sehen - mehr Leben
Unter diesem Motto steht unsere diesjährige Sommerzeit.
Gedichte werden uns in diesen Wochen begleiten und sollen uns einen kleinen Impuls für die kommende Woche mitgeben.
Heute:
Auf Wolkenbürgschaft
Ich habe Heimweh nach einem Land,
in dem ich niemals war, wo alle Bäume und Blumen
mich kennen,
in das ich niemals geh,
doch wo sich die Wolken
meiner genau erinnern,
ein Fremder, der sich in keinem Zuhause ausweinen kann.
Ich fahre nach Inseln ohne Hafen,
ich werfe die Schlüssel ins Meer
gleich bei der Ausfahrt.
Ich komme nirgends an.
Mein Segel ist wie ein Spinnweb im Wind,
aber es reißt nicht.
Und jenseits des Horizonts,
wo die großen Vögel am Ende ihres Flugs
die Schwingen in der Sonne trocknen,
liegt ein Erdteil,
wo sie mich aufnehmen müssen
ohne Pass,
auf Wolkenbürgschaft.
(Hilde Domin, 1909-2006)
Und wonach haben Sie Heimweh?
Ihr
Egbert Schlotmann,
Pfarrer in St. Willehad
